Hintergrund

Sicherheit im Straßenverkehr für die Generation 60pro

Foto.Pixelio.de/daniela klaghofer
Foto.Pixelio.de/daniela klaghofer

Mobilität ist ein Stück Lebensqualität, die wir uns lange erhalten wollen. Sie macht unabhängig und steigert das Selbstwertgefühl. Dieses Gut für die Mitglieder der Generation 60pro gerät immer wieder in die Diskussion, wenn es um die Fahrtüchtigkeit älterer Autofahrer geht. Sie sollen sich testen lassen!

Seh- und Reaktionstests

Verbindliche Reaktions- oder Sehtests gibt es in Deutschland nicht. In der Schweiz dagegen müssen sich die Autofahrer über siebzig alle zwei Jahre ihre Fahrtüchtigkeit vom Arzt bescheinigen lassen. In Deutschland und sogar europaweit ist die Forderung nach verbindlichen Tests bisher vermeintlich an der Lobby der Automobilbauer, und hier besonders an der deutschen Automobilindustrie, gescheitert.

Derartige Tests, so wird selbst von Polizeiexperten behauptet, hätten ein Abschreckungspotential. Soll heißen, dass weniger Autos gekauft würden und schwere wirtschaftliche Schäden die Folge seien. Eine Schlussfolgerung, die voraussetzt, dass merkantile Interessen über die Sicherheit für Leib und Leben gesetzt werden und dass eine Beeinträchtigung der Verkehrssicherheit durch ältere Menschen bis hin zu Verkehrstoten aus wirtschaftlichen Erwägungen zu tolerieren sei. Da muss etwas missverstanden worden sein.

Senioren sind wichtige Kunden der Autoindustrie

Sachlich richtig ist, dass die Gruppe der Senioren mit einem Anteil von 25,3% an der Gesamtbevölkerung die wichtigsten Kunden für die Autoindustrie sind. 34% aller Autokäufe in Deutschland werden anno 2015 von Mobilisten jenseits der sechzig getätigt. Das derzeitige Durchschnittsalter aller Autokäufer in Deutschland liegt derzeit bei 50,6 Jahren.

Es gibt auch Beliebtheitsskalen nach Automobilmarken, die in der Gunst der „reifen Autofahrer“ besonders gut abschneiden. Das Institut CAR hat ermittelt, dass hinter dem Steuer eines Lexus RX mit einem Durchschnittsalter von 63,1 Jahren die ältesten Autofahrer sitzen. Gefolgt von Opel Meriva mit 59,7 Jahren, danach Nissan Tiida mit 59,7 Jahren auf Platz drei und dem Golf Plus mit 58,7 Jahren auf Rang vier. Die Liste weist insgesamt zehn Fahrzeuge aus, die offensichtlich den Erfordernissen von Senioren, wie aufrechte Sitzposition, bequemer Einstieg und großer Türöffnungswinkel am ehesten gerecht werden.

  Unangebrachte Verallgemeinerungen

Man fragt sich auch beim Thema Fahrtüchtigkeit und Verkehrssicherheit, warum vorwurfsvoll vorrangig immer die Alten als gefährdende Risikogruppe herausgestellt werden und eine Konfrontation zu anderen Altersgruppen bemüht wird. Das sind unangebrachte Verallgemeinerungen, die keinem dienen. Hier wird einer gegen den anderen ausgespielt. Es wird dann dagegen argumentiert, die größte Risikogruppe wären nicht die Alten, sondern die 18 bis 24-Jährigen. Es geht um die Sicherheit aller, jung und alt!

Die Unfallzahlen sprechen eine deutliche Sprache ohne jede Polemik, wie es beispielhaft auf der Internetseite der Verkehrswacht Düsseldorf e.V für das Jahr 2007 bezogen, auf die NRW- Landeshauptstadt Düsseldorf, nachzulesen ist. Danach wurden trotz aller Bemühungen und Erfolge im Düsseldorfer Straßenverkehr 3076 Menschen bei Verkehrsunfällen verletzt, davon 441 schwer und 12 Menschen tödlich. An diesen Unfällen waren mit steigender Tendenz gegenüber dem Vorjahr 1021 Personen über 65 Jahren beteiligt.

Auf Anfrage teilte man 60pro die aktuellen Zahlen für 2008 telefonisch mit. Danach ist die Anzahl der an einem Unfall beteiligten über 65-Jährigen um 10,7 % auf 914 Personen zurückgegangen. In 594 Fällen waren Senioren die Unfallverursacher: und zwar als Fußgänger in 14 Fällen, bei Fahrradunfällen 35 mal und 545 mal bei Unfällen mit dem Auto; bei einer Gesamtunfallquote mit dem Auto von 724 Fällen doch ein hoher Anteil.

Fähigkeit zur Selbsteinschätzung

Was einem im Alter gegeben sein sollte ist die Fähigkeit der Selbsteinschätzung sowie die Wahrnehmung und Umsetzung der daraus resultierenden Konsequenzen. Es liegt in der Natur der Dinge, dass die körperlichen und geistigen Funktionen im Alter nachlassen, jedoch in unterschiedlichem Maße und zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Der eine mehr oder weniger; der andere früher oder später. Das ist ganz persönlich und individuell.

Genau so individuell sollte jeder für sich, ohne gesetzliche Vorschriften abzuwarten, souverän akzeptieren, dass alters - oder krankheitsbedingte Einschränkungen das Unfallrisiko erhöhen. Diese Defizite muss man rechtzeitig erkennen und sich aus eigener Initiative bemühen, sie durch Training und Schulung zu kompensieren. Sollte das nicht die Lösung sein, muss man für sich selbst die letzte Konsequenz ziehen.

Das ist zwar ein Verzicht auf die individuelle Mobilität, aber eine aufrichtige Entscheidung, denn die eigene Sicherheit und die der Mitmenschen hat Vorrang. Darüber hinaus kann die Mobilität durch öffentliche Verkehrsmittel wie Bus, Bahn oder Flüge erhalten bleiben.

Aber bevor es so weit kommt, kann man die zahlreiche Aktivitäten und Möglichkeiten in Anspruch nehmen. Seien Sie aufrichtig zu sich selbst. Sprechen Sie mit Ihrem Hausarzt, ob eine Erkrankung oder ein Medikament Ihre Fahrtüchtigkeit beeinflussen. Ist Ihr Gehör intakt? Häufige Ursache bei Verkehrsunfällen sind eine Sehschwäche oder ein anderer Sehfehler, der von den Betroffenen oft selbst nicht bemerkt wird, weil er sich allmählich und nach und nach einstellt. Deshalb sollte immer der erste Weg zum Augenarzt führen.

Infomobil der Landesverkehrswacht

Viele scheuen jedoch den Weg zum Augenarzt - aus welchen Gründen auch immer. Hier kann man den Dienst der Landesverkehrswacht NRW in Anspruch nehmen. Sie ist seit Jahren mit einem Infomobil unterwegs, um Seh-und Reaktionstests durchzuführen, zu beraten und Aufklärungsarbeit zu leisten. Wird ein Sehfehler oder eine Beeinträchtigung festgestellt, wird in jedem Fall der Besuch des Augenarztes zu einer ärztlichen Nachuntersuchung geraten.

Getestet werden: Sehschärfe, räumliches Sehen, der Seitenblickwinkel und die Farberkennung; sowie das Sehen in der Dämmerung und das Reaktionsvermögen.

Die Untersuchung dauert nur wenige Minuten, ist kostenlos und anonym. Sie kann im Infomobil oder auf Anforderung in einem anderen zur Verfügung gestellten Raum durchgeführt werden. Überall da wo größere Interessengruppen zusammen kommen kann das kostenlose Infomobil über die örtliche Verkehrswacht angefordert werden. Im Jahr 2008 waren von 14 466 Personen 12 857 ohne Sehfehler, ein Sehfehler wurde bei 1 609 Personen festgestellt, davon bezogen sich 492 auf eine bedenkliche Farberkennung, 85 hatten eine bedenkliche Reaktionszeit.

Besuchen Sie ein Fahrsicherheitszentrum

An erster Stelle steht und ist durch nichts zu ersetzen: die körperliche und geistige Fitness, um verkehrssicher zu sein. Darüber hinaus kann man seine fahrtechnische Sicherheit testen und gegebenenfalls vertiefen. Gelegenheit dazu geben die unter dem Dach der Verkehrswacht NRW zusammengefassten autonomen Fahrsicherheitszentren, von denen sich sicherlich eines an Ihrem Wohnort oder in nächster Nähe befindet. Konkrete Antwort gibt die Homepage der Verkehrswacht.

Ein solches Fahrsicherheitstraining ist jedoch kein Freibrief in Richtung Verkehrssicherheit. Es findet unter Anleitung von professionellen Ausbildern ganztägig auf einem Übungsgelände statt und hat das Ziel, das Fahrzeug in bestimmten Situationen besser zu beherrschen, sich sicherer zu fühlen und deckt eventuelle Defizite auf. Eine Erkenntnis kann durchaus sein, dass ein oder zwei Fahrstunden mit einem Fahrlehrer im Straßenverkehr von Vorteil und notwendig sind.

Generell kann und muss man den Streckenverlauf und den Zeitbedarf seiner Autofahrten planen; verkehrsreiche und riskante Routen und die sogenannte „Rush-hour“ meiden.

Die Fahrt muss man ruhig,gelassen und umsichtig antreten, dazu seine ganze Aufmerksamkeit dem Verkehrsgeschehen widmen.Die Gesamtsituation beurteilen. Das Fahrverhalten der andern Verkehrsteilnehmer voraus schauend beobachten und seine eigenen Absichten, wie abbiegen, einen Fahrbahnwechsel oder bremsen nie abrupt, sondern rechtzeitig erkennbar machen.

Man darf sich nicht unter Druck setzen oder von anderen setzen lassen. Hektik ist zu vermeiden und eine Zeitreserve für unvorhergesehene Verzögerungen einzuplanen. Im Extremfall ist eine Verspätung das kleinere Übel als ein Unfall.

Nicht ablenken lassen! Keine Diskussionen oder kontroversen Gespräche während der Fahrt führen. Verlassen Sie sich auf sich selbst und lassen Sie sich nicht durch unzutreffende Hinweise oder Zurufe zu falschen Reaktionen verleiten. Schlussendlich sind Sie verantwortlich.

Die Hände bleiben am Lenkrad, die Füße auf den Pedalen. Telefonate mit dem Handy während der fahrt sind tabu. Muss man erreichbar sein, so löst man das mit einer Freisprechanlage oder einem kleinen Kopfhörer, den man in das Handy einstecken kann. Es versteht sich in diesem Zusammenhang von selbst keine SMS zu schreiben.

Tun Sie aus eigener Initiative etwas für Ihre Fahrtüchtigkeit und Verkehrssicherheit, warten Sie nicht, bis Gesetze oder Vorschriften Ihnen die Verantwortung abnehmen.

Eine sichere und gute Fahrt.  W.S.
 

Der 60pro Kommentar

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