Hintergrund

Krieg der Generationen – gibt es den wirklich?

Foto: pixelio.de / S. Hofschlaeger
Foto: pixelio.de / S. Hofschlaeger

Und inzwischen mischen sich nach zunächst vorpreschenden Hinterbänklern mit Alt-Bundespräsident Herzog an der Spitze auch gewichtige Persönlichkeiten in die Diskussion ein. Die Lage wird unübersichtlich. Halten wir einen Augenblick inne!

Der Traum vom ewigen Leben ist so alt wie die Menschheit. Seit dem 19. Jahr-hundert steigt die Lebenserwartung in den vergleichsweise wohlhabenden Industrie-ländern rapide an – ein Ende dieser Entwicklung wird aus medizinisch-biologischer Sicht von heute erst bei etwa 130 Jahren angenommen. Gleichzeit hat hier die Zahl der Geburten drastisch abgenommen – die „Alterspyramide“ verschiebt sich nach oben. Und nun tun sich grundsätzliche Fragen auf, die zumeist noch nicht wahrgenommen, geschweige denn beantwortet worden sind.

  • Die Weltbevölkerung insgesamt wächst ähnlich rapide wie sich die Alters-grenze verschiebt – gibt es noch ausreichend Wasser, Nahrung und andere lebensnotwendige Ressourcen für alle?
  • Die Lebensarbeitszeit ist die höchstens die gleiche, meistens eine wesentlich kürzere als früher, so macht diese einen immer geringeren Anteil an der Lebenszeit aus – reicht das Erworbene für die Versorgung des einzelnen und auch für die Volkswirtschaft aus?
  • Alle Vorsorgesysteme, sei es für die Kranken, die Rentner oder für die Pflegebedürftigen sind überfordert, denn den stagnierenden Einnahmen stehen steigende Ausgaben gegenüber – hat da der nordrhein-westfälische Ministerpräsident recht, wenn er zur Absicherung der Renten den Einsatz von staatlichen Haushaltsmitteln vorschlägt – oder ist das etwa schon Wahlkampf?
  • Die älteren Rentner erhalten bei ihrer hoher Lebenserwartung oft mehr an Leistungen als sie im Laufe ihres Berufslebens eingezahlt haben, die neuen Rentner erhalten bestenfalls das gleiche und die zukünftigen Rentner sicher weniger – ist das noch ein zumutbarer Generationenvertrag oder bereits die Ausbeutung der Enkel?
  • Neben den wirtschaftlichen Problemen stehen noch bedrückende psycho-soziale Fragen wie die der Vereinsamung im Alter, des oft empfundenen Lebensüberdrusses, des zunehmenden, bitteren Gefühls von der eigenen Nutzlosigkeit - haben wir uns das lange Leben so vorgestellt?

Noch einmal: eine Pause zum Nachdenken!

Was ist denn wirklich unser Problem? Die Überbevölkerung, unsere wirtschaftliche Gesamtlage oder etwa ein beginnender Verteilungskampf um die letzten Bestände der Rentenkassen, der bald die Ausmaße eines Bürgerkrieges anzunehmen droht?
Wir alle sollten einmal für einen Moment mit den Augen unserer europäischen Nachbarn auf diese Situation blicken und uns dann mit diesen fragen, wo denn eigentlich das Problem bei denen liegt, die auf so hohem Niveau zu klagen verstehen wie wir Deutschen („Eure Probleme möchten wir haben...!“)

Nein, diese Republik hat aufs Ganze gesehen kein wirtschaftliches Problem, es werden hingegen - was schlimmer ist – wachsende moralisch-ethische Defizite unserer Gesellschaft sichtbar: Steuerhinterziehung und Korruption mit dem Ansehen von Kavaliersdelikten („So lange einer doch nicht erwischt wird...“, die ausschließlich betriebswirtschaftliche Sichtweise von Konzernen bei ihren Standortentscheidungen („Shareholder Value...“), die schnell wachsenden und nicht mehr zu leugnenden Armutserscheinungen bei Alten, bei Frauen und sogar bei Kindern („In einem so wohlhabenden Land gibt es Kinder, die nicht genug zu essen haben...?), die große Zahl schlecht ausgebildeter Jugendlicher, die kaum eine Zukunftsperspektive entwickeln können („Kulturnation Deutschland...?), die schematisch und bürokratisch in den sog. „Ruhestand“ Abgeschobenen, deren Fähigkeiten und Erfahrungen nichts mehr zählen („Wir fühlen uns verachtet und weggeworfen...!“) – noch mehr Beispiele? Nein - wir kennen sie doch alle!

Diese Republik ist wohlhabend, aber die Verteilung der Güter unter den jetzt hier lebenden Menschen ist zutiefst ungerecht. Diese Feststellung - weder „links“ noch „rechts“ - ist kein Beitrag zu einer Neid-Debatte, kein Aufruf zur Revolution. Diese Feststellung ist eine moralische Position. Sie markiert nicht nur die statistisch belegte Schere zwischen wachsendem Reichtum auf der einen und zunehmender Armut auf der anderen Seite. Sie markiert den Verfall von „Sitte und Moral“ und sie markiert die erschreckende Ent-Solidarisierung in diesem Land und seiner Gesellschaft. Versucht man in solchem Zusammenhang „bürgerliche Tugenden“ zu beschreiben wie Anstand, Rücksichtnahme, Solidarität mit Schwächeren, Gemeinsinn und engagierte Verantwortung für das Ganze – dann erschrickt man schon angesichts der Begriffe und der Worte, die so seltsam antiquiert klingen, und für die einem partout keine „moderneren“ Formulierungen einfallen wollen. Sprache scheint zu zeigen, was Konjunktur hat – und was nicht!

Was ist zu tun? Wenn diese Gesellschaft es denn fertig brächte, das Verhältnis zwischen den Generationen neu zu organisieren, starre Grenzen wie die zwischen Arbeitsleben und Ruhestand aufzuheben, die „gesellschaftliche Arbeit“ ganz der herkömmlichen Erwerbsarbeit gleichzustellen, ihr Bildungssystem endlich effektiv zu reformieren, die Versorgungs- und Vorsorgesysteme dem Bedarf anzupassen, - wenn sie es schaffen würde, einen gesamtgesellschaftlichen Konsens über ein für alle auskömmliches Leben und Zusammenleben herzustellen, wenn moralisch-ethische Werte in einer Renaissance zu zeitgemäßen, für alle verstehbaren, akzeptablen und lebbaren Formen auflebten, die das Leben des Einzelnen und das der Gemeinschaft wieder bestimmten – dann, ja dann könnten wir alle nicht nur in einem wohlhabenden Lande leben, sondern dabei auch Glück und Stolz empfinden. Es lohnte sich, dafür zu streiten und daran zu arbeiten...

Eine Anmerkung zum Schluss: In den vielen langen Debatten um die (Wieder-) Vereinigung Deutschlands und um die Frage, ob dieses größere Land auch eine neue Verfassung brauchte, sind seinerzeit die Befürworter von den Pragmatikern sehr schnell beiseite geschoben worden. Das Grundgesetz, das doch nur bis zur Wiedervereinigung reichen sollte, erschien als ausreichend.

Ein Argument ist dabei leider unter den Tisch gefallen, das im hier diskutierten Zusammenhang wieder an Bedeutung gewinnen könnte. Die alte, die Bonner Republik hatte – pointiert verkürzt – nur zwei wesentliche Staatsziele: „Wohlstand für Alle“ und die „Wiedervereinigung“. Staatsziele erreicht – was nun?

Gab es damals anscheinend keinen Bedarf an der Formulierung allgemeiner und verbindlicher gesellschaftlicher Ziele – jetzt scheint die Zeit dafür reif zu sein.
Grundgesetz hin, Verfassung her, diese Gesellschaft muss sich neu aufstellen – noch ist Zeit dafür!  M.S.

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