Hintergrund

Wie ich den Karneval erlebe: Ganz oder gar nicht

Foto:pixelio.de/Joachim Reisig
Foto:pixelio.de/Joachim Reisig

Brief an einen Freund

Lieber C. D.,

als wir vor einem halben Jahrhundert gemeinsam zur Schule gingen, gab es in dieser Gegend den Fasching. Manchmal war in der Schule etwas los – der Abschlussball der Tanzstunde fiel auch in diese Zeit und wir kamen verkleidet. Auf der Strasse liefen wir auch an einem Tag verkleidet rum und ließen Knallplättchen ihren Krach machen. Ich hatte einen begrenzten Spaß – wie Du das damals fandest, weiß ich nicht mehr.

Zum Studium zog ich ins Rheinland, geriet in den Karneval und damit in eine totale Verwirrung. Mit dieser alles aufsaugenden, jährlich ausbrechenden Epidemie in einer Stadt wie Köln hatte ich nicht gerechnet. Das war wirklich nicht leicht. Nun haben es die Umstände ergeben, dass ich seit mittlerweile 48 Jahren im Rheinland lebe und alle seine Vorzüge kennen und schätzen gelernt habe – aber der Karneval.....

Im sehr „volkstümlichen“ Kölner Karneval fühlte ich mich fremd und – was solche Massenbewegungen ja leicht verursachen – auch schon mal einsam und alleine. Da blieb mir dann oft nur die Flucht oder wenigstens der Rückzug ins ganz Private. Aber was tun, wenn die Frau, die Du liebst, im Gegensatz Dir gerne tanzt, und dafür nun viele Gelegenheiten sieht. Das geht nicht gut – und so war es auch.

Inzwischen lebe unter den rheinischen Antipoden – in Düsseldorf, wo „natürlich“ alles ganz anders ist, auch der Karneval. Aber feine Seuchen sind eben auch nur Seuchen. Und so bleibe ich als „Imi“ (eine freundlich-ironische Form für: Immigrant) noch und wieder außen vor. Karneval – das ist inzwischen meine Überzeugung – das geht eben doch nur ganz oder gar nicht. Und im Grunde muss man da hineingeboren werden. Heute habe ich das Glück, eine Düsseldorferin an meiner Seite zu haben, die dies alles freundlich, aber distanziert sieht – meine Marotten und den Karneval. Das geht!

Aber – so wirst Du in Deiner klug beobachtenden Art sicher jetzt fragen, ob es denn alles nur Schwarz-Weiß war, ob es denn gar keinen „Spaß an der Freud“ gibt. Doch – das gab es auch: z. B. eigene kleine Partys (untypisch – eher etwas im Fasching), die so genannten „Schull- und Veedelszöch“ in Köln (die improvisierten, von Schulen und Vereinen getragenen Züge der Vororte (Gegensatz zu den langweiligen Prunk-Zügen am Rosenmontag) und die alternativen Sitzungen (z. B. die „Stunksitzung“).

Und die Freude der Kinder nicht zu vergessen. Als meine Tochter im Kindergarten- und Grundschulalter war und Spaß daran bekam, da war es eine Freude für alle, am Sonntag die Kinder und ihre Freundinnen und Freunde einzuladen, und nach Köln in die Südstadt zu fahren, um dort einen ungekünstelten, fröhlichen Straßenkarneval zu erleben und dann die vereinten Züge der Schulen und Vereine zu sehen. Sehr schön!

Und ich: mir steht einiges im Wege, das mich hindert, immer und allen Situationen spontan zu sein – mein ausgeprägter Hang zur Individualität, mein Misstrauen gegen Massenveranstaltungen, meine Wünsche zu Ästhetik und Schönheit auch im Alltag. Intellektuell betrachtet, fasziniert mich dieser Karneval, auch seine Geschichte und seine Entwicklung. Aber das geht uns ja bei vielen Themen und Phänomenen so. Über so etwas wie Karneval nachdenken...– man muss es wohl einfach (mit)machen.

Ich bin auf Deine Antwort gespannt – wenn Du zu einer solchen kommen wirst, da Du doch mitten in den „tollen Tagen“ Geburtstag hast. War das schon aufgefallen?

Herzlichst
Dein M. A.
 

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