Hintergrund

Vorbereitung auf den Ruhestand – auch ein mentales Training

Foto:aboutpixel.de/Macka
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Allen leuchtet ein, dass man für die späteren Jahre vorsorgen muss. Fragt man nach dem Wie, dann hört man viel von der notwendigen finanziellen Alterssicherung, vom Eigenheim, von der Rentenlücke, von Riester und von Rürup. Fragt man aber weiter, dann werden die Antworten immer undeutlicher. Fragt man gezielt nach der psycho-sozialen Vorbereitung auf das Alter, dann wird man auf die Familie, auf die Freunde und darauf verwiesen, dass man dann, wenn es soweit sei, doch viel Zeit habe, sich auch mit „anderen Dingen“ zu beschäftigen. Nüchtern betrachtet muss man nun also feststellen, dass eine planvolle und sorgfältige mentale Vorbereitung auf die späteren Jahre in den meisten Fällen kaum oder gar nicht stattfindet.

Worum geht es uns und worauf wollen wir hinaus?

Kraft und Beweglichkeit

Unsere körperlichen Kräfte nehmen stetig ab, die Belastungsfähigkeit und Ausdauer auch. Eigentlich kein Problem, wenn wir all’ dies früh erkennen und beobachten, uns darauf einstellen, sorgsam mit unseren Kräften hauszuhalten und die Ruhepausen anzupassen – letztere nicht unbedingt länger, sicher aber häufiger. So bleibt auch die körperliche Leistungsfähigkeit noch lange erhalten.

Unsere körperliche Beweglichkeit nimmt ab, wenn wir nicht mit täglichen Übungen dagegenhalten. Auch hier gilt: früh erkennen und mit angepasstem Training diesen natürlichen Rückgang, wenn schon nicht aufhalten, so doch verlangsamen.

Rhythmus und Struktur

Wir leben in Rhythmen von Kindertagen an: Schlafen und Wachen, Arbeiten und Ruhen, Anspannung und Entspannung. Viele Rhythmen werden uns „außen“, von Eltern und Schule, von Ausbildung und Beruf vorgegeben. Ähnlich wie Rhythmen sind uns auch Strukturen lange Zeit von außen „übergestülpt“ worden: Pflicht und Kür, Schule und Ausbildung, Arbeit und Freizeit, Berufskleidung und Urlaubszeiten...

Nun sind Rhythmen zwar natürlich, sind lebensnah und unverzichtbar, nur leben wir lange Zeit „fremdbestimmt“. Strukturen sind für die Organisation eines erfolgreichen Zusammenlebens notwendig. Aber auch sie entwickeln sich zunächst außerhalb von uns. Und da entsteht dann der Wunsch, selber den Takt des Lebens bestimmen zu können und alle Hoffnungen richten sich auf die Zeit nach dem Beruf.

Wird uns dies aber erst zum Rentenbeginn bewusst, dann ist jede Chance verpasst, sich langsam und systematisch einen eigenen Lebensrhythmus und die angemessenen Strukturen für einen nun stärker „selbstbestimmten“ Alltag aufzubauen. Wir müssen wohl immer bestrebt sein, unsere eigenen Wünsche und Vorstellungen in die Gliederung des (Alltags-) Lebens einzubauen. Kompromisse sind sicher nicht zu vermeiden, aber ein Leben in ausschließlich fremdem Takt und Rhythmus ist nicht gesund.

Gesundheit und Vorsorge

Niemand bleibt sein Leben lang gesund - jeder sollte sorgsam auf sein Wohlbefinden achten. Nicht auf jede mögliche Krankheit spekulieren, wenn es mal irgendwo zwickt – so würde man ja zum Hypochonder. Aber Achtsamkeit und Vorsorge sind wichtig! Jenseits der Lebensmitte sollten wir alle, Männer wie Frauen, unbedingt regelmäßig die notwendigen Untersuchungen vornehmen lassen. Ob beispielsweise der Krebs in der Brust oder in der Prostata beginnt – frühe Erkennung ist doch immer die beste Voraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung.

Lernen und Veränderung

Menschen entwickeln sich, Zeiten und Lebensumstände verändern sich. In jeder Phase des Lebens muss der Mensch sich orientieren, anpassen, verändern, neu organisieren, die Balance zwischen den eigenen Wünschen und Möglichkeiten hier und den äußeren Umständen dort austarieren. Dieser Prozess von Anpassung und Veränderung ist nicht zu bewältigen, ohne dass wir Mensch ständig lernen. Wenn wir aufhören, neugierig zu sein, und mit immer neu erworbenen Fähigkeiten flexibel auf politische, gesellschaftliche, wirtschaftliche und technologische Veränderungen zu reagieren, dann haben wir schon verloren.

Das Lernen, die Neugier, das Interesse, die Welt immer wieder neu zu begreifen und zu erobern, fällt den Kindern noch leicht, wird den Jugendlichen hoffentlich in der Schule nicht ausgetrieben, und kann von uns Erwachsenen bis ins hohe Alter gepflegt werden, wenn – ja wenn dieses Lernen ununterbrochen gepflegt wird. Jahrzehntelang in der gleichförmigen Routine eines berufs-bestimmten Alltags zu leben, und sich dann vorzunehmen, nun im Alter Fremdsprachen zu lernen, zu reisen und die Literatur zu entdecken, das wird Illusion bleiben und scheitern. Lernen kann jeder – ein Leben lang – aber nur, wenn dies auch ein Leben lang trainiert wurde. Da geht es dem Kopf doch nicht anders als der Muskulatur und den Gelenken!

Ordnen und Sortieren

Wir alle beginnen so vieles, oft bleibt es liegen und wir verschieben die Fortsetzung und Vollendung auf „später“ - bis wir merken, dass es zu spät ist. Dann bleibt das Angefangene als Ballast zurück. Wir sammeln, aber unsere Interessen verändern sich, die Sammlung verstaubt. Wir kaufen uns schöne, interessante Dinge, bis wir nichts mehr stellen oder hängen können. Und so weiter...
Es ist nur jedem anzuraten, mit dem distanzierteren Blick des Älteren und dem kritischen Urteilsvermögen des Erfahreneren zu prüfen, was noch Bestand hat, noch wichtig ist, noch einen sinnvollen Abschluss erfahren kann. Kritisch prüfen und kühl abwägen, ruhig aber konsequent entscheiden, Prioritäten bilden, Ordnung schaffen – und alles, was für uns selbst hier und heute nicht mehr wichtig ist, aussondern, verschenken oder entsorgen. Das schafft nicht nur Platz im Haus, im Keller, in der Garage und auf dem Dachboden. Es schafft – und das ist viel wichtiger – Platz in unseren Köpfen. Es entlastet und es macht das Leben leichter und freier.

Loslassen und Abschiednehmen

Es gibt ein Gedicht von Hermann Hesse, das heißt „Stufen“. Dieses ist oft – vielleicht schon zu oft - zitiert worden. Nirgends aber ist besser und bildhafter ausgedrückt worden, dass wir etwa Neues nur dann beginnen können, wenn wir Altes loslassen, dass wir in einen Raum nur gehen, wenn wir einen anderen verlassen. Lesenswert!

Das Loslassen fällt uns immer schwer – es „drohen Verluste“. Das Abschiednehmen fällt uns noch schwerer – es macht vielen von uns Angst. Doch können wir uns bei aller Erfahrung, die Menschen gesammelt haben, beruhigt und zuversichtlich sagen, dass auch Abschiednehmen gelernt und geübt werden kann. Wir können uns mit Anstand aus Lebensphasen, aus Orten und aus Beziehungen lösen und uns dabei in einer Form verabschieden, die weder Trauer noch Leid, weder Wut noch Verletztheit zurücklässt. Nichts ist wohl schwerer zu lernen – aber auch dies kann gelingen. Und diese Kunst zu beherrschen, schafft Ruhe und Gelassenheit – für wirklich alle Fälle!

Und wie sieht die angemessene Vorbereitung auf den „Ruhestand“ aus?

So unterschiedlich Menschen und ihre Lebensläufe sind, so wenig wird es Rezepte geben können, die dies immer und für alle Fälle leisten. Männer mehr als Frauen in traditionell stärkeren Ausrichtung auf und Abhängigkeit von Arbeit und Beruf sind in der Mehrzahl besonders gefährdet, diesen Bruch zwischen dem Berufsleben und dem „Danach“ zu erleiden. Bei Frauen ist das Problem oft vielschichtiger, was aber sicher kein Beleg für eine bessere Alters-Vorbereitung ist.

Im Ganzen müssen wir feststellen, dass bewusst gestaltetes Leben in weitgehender Autonomie und Selbstbestimmung mit dem gesunden und beweglichen Körper auf der einen und der lebendigen und entwicklungs-offenen Psyche auf der anderen Seite – eingebunden in ein reiches Netz sozialer Beziehungen und Bindungen – einer besonderen Vorbereitung auf das Alter, auf das Rentnerleben oder eben auf diesen sogenannten „Ruhestand“ nicht bedarf. Von diesem Ideal können wir träumen, in der Realität muss wohl jeder von noch uns etwas „nachbessern“. Das aber ja ist nicht schwierig, wenn wir die für jeden von uns notwendige Vorbereitung früh beginnen.

Ziehe also jeder einmal eine Zwischenbilanz, frage sich, wie es um die persönlichen Interessen und deren Verwirklichung steht, plane rechtzeitig und übe Körper und Geist stetig! Ruhestand wird das keiner, aber vielleicht ein aktives erfülltes Leben.
Und: auch arbeiten können wir ja noch lange. Ehrenamtlich oder bezahlt – wir sehen doch schon, wie auf allen Seiten immer lauter nach den Alten und ihrer Erfahrung gerufen wird. Lassen wir sie rufen: wir werden kommen, wenn die Zeit da ist!     M. S.


Der 60pro Kommentar

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